Messung der Überschuldung
Die oben genannte Definition "in der es der betroffenen Person nicht möglich
ist, ihre Schulden innerhalb eines überschaubaren Zeitraums unter Einsatz
vorhandenen Vermögens und freien Einkommens zu bezahlen, ohne dabei die eigene
Grundversorgung zu gefährden" erlaubt die quantitative Messung der
Überschuldung.
Bezüglich der "Grundversorgung" können hier entweder die Höhe der
Sozialhilfesätze oder die Pfändungsfreibeträge herangezogen werden.
Ursachen
Die Ursachen der Überschuldung werden von Schuldnern, Schuldnerberatern und
Gläubigern unterschiedlich wahrgenommen. Eine objektive Feststellung der
Ursachen ist auch daher schwierig, da typischerweise mehrere Ursachen
zusammenkommen.
Ursachen aus Sicht der Schuldner
Aus Sicht der Schuldner sind
Hauptursachen der Überschuldung Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Einkommenseinbußen
bei Jobwechsel, Scheidung und Krankheit.
Bei dieser Aufzählung fällt auf, dass die Verantwortung für diese Ereignisse
außerhalb des Einflussbereichs des Schuldners liegen. Der Schuldner sieht sich
quasi als Opfer der Überschuldung, nicht als Hauptverantwortlichen.
Ursachen aus Sicht der Schuldnerberatung
Die meisten der ratsuchenden Menschen sind durch ein sogenanntes "kritisches
Lebensereignis" in ihre schwierige geldliche Situation geraten, meistens durch
Verlust des regelmäßigen Einkommens durch Beendigung des Arbeitsverhältnisses
durch Personalabbau oder Betriebsschließung oder durch Entzweiung einer
Partnerschaft. Auch Kurzarbeit, ungeplante Schwangerschaft, Bürgschaften, eine
fehlgeschlagene Baufinanzierung oder eine erfolglose Selbstständigkeit können
ein solches kritisches Lebensereignis darstellen.
Im Rahmen der Studie "Schulden-Kompasses" stellen sich die
Ursachen der Überschuldung aus Sicht der Schuldnerberatung wie folgt dar:
▪ Arbeitslosigkeit – 48 %
▪ Einkommensverlust – 26 %
▪ Trennung – 25 %
▪ Konsumverhalten – 18 %
▪ Gescheiterte Existenzgründung – 16 %
▪ Krankheit – 11 %
▪ Gescheiterter Bau – 8 %
▪ sonstige Gründe (Sucht, gescheiterte Immobilienfinanzierung) – 7 %
Auch diese Daten basieren letztlich auf den Angaben der Schuldner. Die Studie
merkt an, dass diese nicht immer objektiven Maßstäben entsprechen.
Beispielsweise lag in den Fällen, bei denen ein Scheidungsdatum angegeben war,
das Scheidungsdatum nur zu einem Viertel innerhalb der vergangenen zwei Jahre
seit Aufsuchen der Beratungsstelle. Subjektive Ursachen wie Konsumverhalten oder
mangelnde wirtschaftliche Bildung werden bei Erhebungen in Schuldnerberatungen
systematisch unterschätzt. Auch ist die Klientel von Schuldnerberatungen nicht
zwingend repräsentativ für die Gesamtheit der Überschuldeten.
Bei einem geringen Anteil der Beratungsfälle (etwa 10%) sind Schuldenprobleme
auf die unzureichend ausgebildete Fähigkeit zurückzuführen, mit Geld umzugehen.
Das Angebot des Handels, auf Darlehensbasis zu kaufen, bzw. der Banken, das
Konto zu überziehen, verführt oftmals dazu, mehr Geld auszugeben, als
eingenommen wird. Es ist natürlich schwieriger, die eigenen Lebenshaltungskosten
zu erfassen, als Kredite in Anspruch zu nehmen. Auch der bargeldlose
Zahlungsverkehr ist eine Schuldenfalle. Da heutzutage das Konsumieren von Waren
und Dienstleistungen mit dem Bezahlen meist nicht mehr zeitlich zusammenfällt
(Gebührenrechnungen kommen erst einen Monat später, automatische Abbuchungen vom
Konto) entsteht die Vorstellung, unbegrenzt über Geldreserven verfügen zu
können. In diesen Fällen sind die betroffenen Menschen bei Lektüre der
entsprechenden Abrechnungen (z.B. Handy-Rechnungen) sehr überrascht und
reagieren dann zum Teil mit Verdrängung.
Die im Rahmen des Schulden-Kompasses zitierte Studie betrachtet auch die
Verteilung der Volumina der Schulden auf einzelne Gläubigergruppen.
▪ Energie/Versorger – 1,7 %
▪ Gerichte – 1,7 %
▪ Telefon/Handy – 1,6 %
▪ Unterhalt –1,4 %
▪ Versandhaus – 2,7 %
▪ Miete – 3,3 %
▪ Staat/Steuer – 5,2 %
▪ Private Schulden – 12,2 %
▪ Bankschulden – 70,1 %
Deutlich wird, dass die Bankschulden die überwiegende Quelle der Verschuldung
darstellen. Die häufig in den Medien verbreitete Aussage, dass insbesondere
Handyrechnungen zur Überschuldung Jugendlicher beitragen, ist aus den Zahlen
nicht abzuleiten.
Ursachen aus Sicht der Gläubiger
Auch aus Sicht der Gläubiger sind Einkommensveränderungen häufigste Auslöser von
Überschuldung. Aus Gläubigersicht sind zusätzlich jedoch noch die folgenden
Punkte Ursachen für Überschuldung (die aus Gläubigersicht als Kreditausfall
wahrgenommen wird):
▪ Finanzielle Allgemeinbildung
▪ Unangemessene Konsumneigung
▪ Betrug
Finanzielle Allgemeinbildung
Typisch ist ein relativ niedriges Ausbildungsniveau der überschuldeten Personen.
Danach waren nur 3,8 % der Überschuldeten Akademiker, 31 % hatten keine
abgeschlossene Berufsausbildung, 65 % eine abgeschlossene Lehre. (Quelle:
Schuldenkompass).
Generell verfügen nach einer Untersuchung von Infratest (s.unten) nur 5 % der
Bundesbürger über eine gute finanzielle Allgemeinbildung. Dies rächt sich
insbesondere in kritischen Situationen.
Unangemessene Konsumneigung
Die Bereitschaft, den Konsum zu reduzieren, wenn das Einkommen zurückgeht, ist
nicht immer gegeben. Vielfach bemühen sich die Betroffenen, ihren Lebensstandard
zu halten und nehmen hierzu Kredite in Anspruch.
Dies betrifft auch gescheiterte Immobilienfinanzierungen. Vielfach erfolgt nicht
sofort nach Trennung oder Arbeitslosigkeit ein freihändiger Verkauf der
Immobilie. Statt dessen wird auf Besserung gehofft und zunehmende Verschuldung
in Kauf genommen.
Betrug
Die Analyse der Kreditunterlagen von notleidenden Krediten zeigt, dass
Kreditnehmer (insbesondere wenn die Verschuldungshöhe eine weitere
Kreditausweitung nicht mehr erlaubt) nicht immer "mit offenen Karten" spielen.
Sofern Angaben bei Selbstauskünften hier falsch sind oder gar falsche
Einkommensunterlagen vorgelegt werden, ist es den Banken nicht möglich, drohende
Überschuldung im Vorfeld zu erkennen.